Geballte Urkraft musikalischer Eruptionen

Virtuoses Frühjahrskonzert mit Werken von Mendelssohn Bartholdy

Vilsbiburg. Vor dem geistigen Auge der 350 Zuhörer verwandelte sich am Samstagabend die Aula der Hauptschule mir der „Hebriden Ouvertüre“ in die sagenumwobene Fingalhöhle auf der schottischen Hebrideninsel Staffa. Dann ließ der „42. Psalm“ die Aura einer mächtigen Kathedrale und meditativer Gottesfürchtigkeit entstehen, bis es schließlich galt, mit List und Tücke die „dummen Pfaffenchristen“ zu vertreiben, um sich ungestört den heidnischen Bräuchen hinzugeben und die „Walpurgisnacht“ zu feiern.

Mit Kompositionen von Felix Mendelssohn Bartholdy kreierte Peter Röckl eine imaginäre Abenteuerreise in Welten, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Sanft gleitende Töne, wogenden Wellen gleichend und in einer tosenden Brandung mündend, um sich in der Unendlichkeit zu verlieren. Das Geheimnis der sagenumwobenen, schottischen Fingalhöhle mit den mächtigen Basaltsäulen musikalisch zu erkunden gestaltete sich als wunderbares Erlebnis. Ein ewiges Nichts, tragisch im Meer verloren. Schwarz, schallend und ganz zwecklos für sich allein daliegend, die weite graue See darin und davor. Mendelssohn Bartholdy verbindet in der Hebriden Ouvertüre Motive der nordischen Mythologie mit seinen persönlichen Eindrücken von Naturerlebnissen. Das Landshuter Sinfonieorchester, bestehend aus Berufsmusikern, Musikstudenten und versierten Laien, genügte höchsten Ansprüchen.

Mendelssohn Bartholdy hauchte dem 42. Psalm durch seine Vertonung musikalisches Leben ein. Eine große Hymne entführte in mächtige Kathedralen. Die Sopranistin Kumiko Koike-Clausen ließ mit ihrer wunderbar samtweichen kraftvollen Stimme das wehmütige Klagen und die tiefe Gottessehnsucht hautnah erspüren. Die Seele wird getragen von aufwühlenden orchestralen Wogen. Sie bilden eine untrennbare Einheit mit dem besänftigenden Chor.

„Es lacht der Mai“: Elfenartige Gesänge zeugen vom Frühlingssprießen. Mendelssohn Bartholdys Vertonung von Goethes Ballade „Die erste Walpurgisnacht“ zeugte vom Wechsel zwischen einfachen und liebenswerten Stimmungsbildern, hymnischem Jubel und dämonischen Ausbrüchen mit geballter Mystik. „Rings gestellt sind ihre Netze auf die Heiden, auf die Sünder“: Marlene Niedermeier übernahm das Solo der vor der Verfolgung der „dummen Pfaffenchristen“ warnenden alten Frau aus dem Volk. Adam Kruzel sang mit beeindruckendem Bariton „Hinauf! Hinauf! Verteilt euch, wackre Männer, hier!“, den Part des Druiden. Die Bilder wurden lebendig, Gestalten huschten in der Dunkelheit zwischen den Bäumen. Der Chor glänzte in majestätischen Hymnen mit bewundernswerter Perfektion. Der Tenor Thomas Helm übernahm die Rolle des christlichen Wächters: „Welch entsetzliches Getöse! Lasst uns, lasst uns alles fliehen!“ Das Heidenvolk feiert den Sieg. „Die Flamme reinigt sich vom Rauch“. Aufsteigender Rauch überzog die Bühne, eindrucksvolle Lichtgestaltung untermauerte die mystische Atmosphäre.

Die Chorgemeinschaft Vilsbiburg bereitete zusammen mit dem Konzertchor Landshut und dem Landshuter Sinfonieorchester unter der Leitung von Peter Röckl auch diesmal wieder eine atemberaubende Darbietung, die das Publikum zutiefst beeindruckte. Es geht keineswegs darum, ein besonderes Musikverständnis unter Beweis zu stellen und sich auf die penible Suche nach Schwachstellen zu begeben. Die würden sich auch bei jedem Profiauftritt in den Metropolen finden lassen. Hier sollte ganz einfach die Freude darüber vorherrschen, das auch auf dem flachen Land hochkarätige kulturelle Darbietungen geboten sind.

(Vilsbiburger Zeitung, 15.05.2007)

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